himmelfahrtsreisegedichte/ weggefährten

 

1
alles kalt
macht der mai
luftsprünge oder

 

2
waldfetzen gedanken-
sprünge mütterlicherseits
klapprige schritte
wenn im kopf alles durch-
einander spricht

 

3
der pandemie sind wir noch nicht
entkommen auch wenn du das wohl
glauben möchtest die regeln fransen
aus wir werden unvorsichtig sie reden
von einer drittimpfung dabei haben so viele
nicht mal die erste erhalten und ich
weiß auch nicht mehr weiter und ich möchte doch weiter
reisen gen süden ans meer

 

4
hab geduld sagst du
und ich habe
sehnsucht

 

5
ist es sehnsucht oder
fernweh
wenn ich durchs fenster seh
du hast mir nie gesagt
wer die vögel schickte
oder wer dich
verletzte

 

6
aber ich öffne meine arme
zaudere nicht
spucke meine fragen
in die welt
klein war ich
früher groß bin ich
noch lange nicht
nur die tiere
wissen um eine kausalität

 

7
morgen gehe ich ins feld
und sabotiere (nicht) die pandemie
ich begrüße den himmel
die weite
steck mir gedichte
ins haar und du streichst mir
eine locke aus der stirn
weißt du
ich bin hier

 

©diana jahr 2021

tagverse – Kempener Literaturpreis

 

Am Wochenende war ich nicht nur zur Signierstunde in München, beim Markt der unabhängigen Verlage (tolle Veranstaltung!), sondern auch in Kempen, bei der Preisverleihung des Literaturwettbewerbs, bei dem ich mit meinen
„tagversen“ den 1. Platz in der Kategorie  „Lyrische Texte/ Songtexte ab 18 Jahre“ erreicht habe!
Ich freue mich sehr! Und sage einfach DANKE! (Auch dies, eine wunderbare Veranstaltung, besonders beeindruckt haben mich die jungen Autorinnen und Autoren, hoffnungsvoller Nachwuchs!)

 

tagverse    

                                                                                                              

1
am montag kommst du
mit offener hand
in mein birkenhaar
pflügst den abend
zur nacht
schnitzen wir brot
aus salz und treiben uns
wein auf die lippen
setzt sich ein weiblicher vogel
aus feuer und eis

sie spreizt das gefieder
und schweigt uns ihr lied
wir fallen ein bis zum morgen
fällen wir jedes tabu

 

2
am dienstag kommt regen
benetzt das gliedergeflecht
wir gleiten einander
über und unter
der haut wohnen nester
aus schwarzem brokat

ich wölb meine hand
du legst dich hinein
zwischen lippen wankt
und taumelt die zeit
aus meinem schoß
strömen gedichte

 

3
am mittwoch müssen sie ruhen.

wir bereisen
ein schweigen
das uns (niemals) sättigt.

 

4
am donnerstag bist du mir göttin
und schlingst mich um
dein silbenherz

ich wandle zwischen worten
mit dem geschmack von schlehen
auf den lippen geschehen wunder

du hebst mich an deinen mund
und runde hände schmieden
das lager aus dunklem gold
auf dem wir (niemals) vergehen

wir schaukeln.

 

5
der freitag weint.
die nacht hebt sich träge
blinzelnd verweigert den tag.
wir klammern uns
aneinander, auseinander
geht unser weg

/vorläufig/

 

6
der samstag bricht sich
im licht der nahenden sommer
von süßem verzicht
kann ich nicht leben
ohne deine hand
fällt der himmel schwarz
über die erde
verdornt

 

7
am siebten tag
öffnen sich gebirge öffnet sich
sonne regnet im bogen
über uns wacht der frühe vogel
und der zeitenzug überholt
das leben.

im kuss verweben wir
das morgen –
ist unser.

 

© diana jahr

 

Wer hier noch schauen mag:

https://rp-online.de/nrw/staedte/kempen/entscheidung-im-kempener-literaturwettbewerb-2019_aid-47513433

 

korfu 6/7

 

6

aber oder und
scheren mich nicht
wie gern streif ich mit dir
satz an satz
durchs grüne gras
ins schneckenhaus!
und wieder hinaus
durch silbenhaine und meer
fremde worte
von anfang und
(da ist es wieder,
das wort!)

 

7

und so schreiben wir uns
an den anfang
aller gedichte, an den anfang
jeder berührung
und ich lächle mich
von vers zu vers zu dir
am strand, im café
zwischen zypressen
wer weiß, vielleicht
sitzt du direkt
neben mir, wort
an wort

 

©diana jahr 2019