Der Vogel und ich, Ghiath Hobbi

 

Ghiath Hobbi, *1989, musste vor zweieinhalb Jahren aus Syrien flüchten, dann hunderte von Kilometern zu Fuß überwinden, um schließlich in Köln zu landen. Er schreibt seit Silvester 2017 Gedichte in deutscher Sprache. Bemerkenswert und sehr berührend, wie ich finde. Danke, lieber Ghiath, dass ich eins deiner Gedichte hier zeigen darf, ich wünsche dir, dass viele Menschen deine Texte lesen!

 

 

 

 

 

 

 

(foto: dj)

 

 

Der Vogel und ich, 14.01.2018

Ich vermisse immer noch die tollen Tage in meinem Heimatland.
Dort war meine Seele, dort war mein Leben,
dort war ich persönlich.
Dort war der Mensch,
der glücklichste Mensch auf der Welt,
da man nur in Sicherheit ist,
wo man zufrieden ist,
wo man sich wohlfühlt,
wo man hoffnungsvoll ist,
wo man beruhigt ist.

Als ich gerade in meiner Wohnung war,
stand ein Vogel an meinem Fenster.
Es war gegen die Dämmerstunde.
Da überlegte ich, ob er mich verstehen würde,
wenn ich mit ihm spreche,
wenn ich ihm von meinen Sorgen erzähle.

Vielleicht war er ein neuer Freund von mir,
vielleicht wollte er meine traurige Geschichte hören.

Vielleicht möchte er mit mir weinen,
vielleicht kann er zu meiner Familie fliegen
trotz der Entfernung
und meine lieben Grüße,
meine liebe Umarmung ausrichten.
Vielleicht wird er für mich in meiner Einsamkeit ein Partner werden.
Obwohl ich denke, dass er vor mir nicht ängstlich sein soll
oder traurig werden oder oder oder…
Ich möchte mit ihm von allen reden.

Er sah mich an,
als ob er mit mir schon lange war,
als ob er meine ganze Familie sein kann,
als ob er mein Glück werden kann,
als ob er der Atem ist,
als ob er alles für mich sein kann.

Ich möchte nicht, dass er meinetwegen besorgt ist,
nicht wegen meiner Vermessenheit in meinem alten Leben.
Ich ertrage alles,
aber möchte in jedem Fall,
dass mir jemand zuhört,
dass ich ein Mensch war,
der glücklich und zufrieden mit dem Leben war.
Dass es mir reicht, neben meiner Mutter zu bleiben
und meinen Geschwistern,
erfreut für ewig zu sein
neben meinen Verwandten die schönsten Begegnungen zu erleben
und eine tolle Zeit zu verbringen.

Ich möchte dir von der Liebe, von meinem Herzen erzählen,
denn es macht mich glücklich, wenn ich so rede,
es bewegt mich, über die passenden Worte nachzudenken.

Weißt du was?
Ich bin froh, dass du mir gegenüber stehst,
dass du mein neuer Freund bist.
Ich bitte dich, lass mich nicht allein,
sei für mich die Seele oder die Freude,
ich brauche sie.
Ich wünsche mir nur, dass ich glücklich bin
und nicht beunruhigt.

Weißt du, dass ich gerade den Duft meiner Stadt rieche?
Dass ich auf allen Straßen Jasmin sehe,
dass ich den Kasionberg von weitem sehe,
den hellen Berg,
dass ich von einer lieben Umarmung meiner Mutter träume,
von unseren Treffen,
wenn wir uns am Abend setzten und miteinander lachten
über das, was uns am Tag passiert war.

Ich weiß, dass du nicht reden kannst,
aber wenigstens hörst du mich,
du, der du neben mir und meinen Sorgen bist.

Mein Leben wird hier nicht wie früher sein.
Die Leute werden mir nicht so nahe sein.
Ich weiß, dass irgendwann jemand zu mir kommt
und mich fragt, wie es mir geht.

Weißt du was?
Dass ich so lange von meinem früheren Leben träume.
Ich wünsche mir eine erholsame Nacht,
so wie sie früher war.

Weißt du was?
Vielleicht habe ich die Hoffnung wieder,
um einen Besuch zu machen,
wenigstens einen Tag mit meiner ganzen Familie zu leben.

Ich bitte dich,
bleib bei mir.
Indem ich im Moment eher leide,
brauche ich dich, um mich zu trösten,
meine Hände zu nehmen.
Ich möchte viel Musik hören,
damit ich nicht viel nachdenke,
ich möchte mich beschäftigen,
damit ich allein bleiben kann.
Ich möchte dich nennen,
dass du Glück heißt.

Weißt du, dass ich wie ein Meer Worte habe,
die ich über mein Heimatland schreiben möchte?

Ach, ich bin es müde, schwach zu bleiben,
ich möchte nicht so sein.
Ich bin ein Mensch, der motiviert ist.
Ich verspreche dir, dass ich stark bleibe,
solange ich atme,
aber eine Bitte habe ich,
dass du mich öfter besuchst.
Jedes Mal möchte ich dir sagen, was es Neues von mir gibt.
Ich hoffe, dass du keine Situation wie meine hast.
Da du mit den lebenden Vögeln bist.
Ich kenne dieses Gefühl, das dich glücklich macht,
das dich beruhigt,
aber ich bin darüber sehr froh,
dass du eine sichere Familie hast.

Vielleicht wird auch bei mir bald alles gut..

 

©Ghiath Hobbi, 2018
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32 Antworten zu “Der Vogel und ich, Ghiath Hobbi

  1. Es sind berührende Worte, die Du uns hier vorstellst, liebe Diana.

    Konntest Du schon ein bissel Deutsch, als Du hierher gekommen bist, Giath?
    Du drückst Dich schon sehr gut aus.
    Du mußt weiter schreiben. Es wird helfen, sich in dem fremden Land zurechtzufinden.

    Auch ein kleiner Vogel kann ein Freund sein und er wird Deine Sorgen anhören.
    Vielleicht wird er Dir dann auch von seinen erzählen.

    Liebe Grüße von Bruni

    Gefällt 2 Personen

    • Ich freue mich sehr über diese schönen Worte, die an meinen lieben Freund Ghiath gerichtet sind, und antworte jetzt schon mal in seinem Namen: nein, er konnte überhaupt kein Deutsch, als er im Sommer 2015 in Deutschland ankam. Deswegen ist es ganz besonders bewundernswiert, dass er in dieser für ihn noch ganz „frischen“ Sprache so berührend schreiben kann.
      Liebe Grüße
      Elisabeth

      Gefällt 3 Personen

  2. Danke schön, liebe Diana, dass du Ghiaths Gedicht hier gepostet hast! Er freut sich sehr darüber und wir freuen uns zusammen über die anerkennenden Worte deiner follower.
    Liebste Grüße
    Elisabeth

    Gefällt 3 Personen

    • meine liebe elisabeth, ich muss dir danken, dass ich durch dich von ghiaths gedichten erfahren habe. es ist mir eine große freude, hier eins zeigen zu dürfen!
      ghiath, du hast ein sehr gutes gespür für sprache; und du hast etwas zu sagen. auf sehr poetische weise 🙂 und das in einer dir noch nicht lange bekannten sprache. das ist in der tat bewundernswert!
      liebste grüße
      diana

      Gefällt 3 Personen

      • Liebste Diana, ich freue mich so sehr, dass du Ghiath bei seinen Schreibversuchen unterstützt und dass du und auch deine „Anhängerschaft“ ihm mit wirklich anerkennenden Worten Mut mach(s)t!
        Ganz liebe Sonntagsgrüße!
        Elisabeth

        Gefällt 1 Person

  3. Danke, liebe Diana, für die hier geposteten Dichterzeilen eines Flüchtlings! Einfach schön zu lesen, vor allem wenn man bedenkt, unter welchen Umständen dieses Gedicht entstanden ist, wie schnell Ghiath sich der deutschen Sprache bemächtigt hat.
    Da kann ich tief bewegt ihm nur zurufen: CHAPEAU, GHIATH! Weiter so!
    Bildhaft schön dein lyrischer Text, er besticht durch ungewöhnliche Klarheit. So hell und rein, so tief bewegend deine Zeilen! Ein Reichtum an Gedanken und Farben, ein Quell tiefen Empfindens! Deine Worte gingen mir unter die Haut, mehr noch, ich habe sie auch tränend vor Rührung gelesen. DANKE DIR!
    Mögen all deine uns hier zur Sprache gebrachten Träume sich recht bald erfüllen!

    Herzlich und mit warmen Lichtgrüßen aus Worms

    Gerda Steger

    Gefällt 1 Person

  4. Die Zeilen berühren, und das Gespür für Sprache ist wirklich beeindruckend, die Unvermitteltheit, mit der sich in ihr die Empfindungen, Sehnsüchte, Hoffnungen dem Leser ans Herz legen – Ghiath liebe Grüße und alles Gute!

    Gefällt 1 Person

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